Posts Tagged: Peter Handke

… als der Mann zu der Frau sagte: »Mein Apfel!«

Eine kurze Notiz zu »Der Große Fall« von Peter Handke.

Vor dem mysteriösen Großen Fall, auf den alles Erzählte im Buch hinausläuft, liest man in Handkes typisch poetischer Sprache über müßiges Gehen, anfangs teils gar rückwärts, und Sehen; von einer Bewegung des Helden vom äußersten Rand hin zum Zentrum einer Metropole (Paris?), in eine Anderswelt. Raum und Zeit erscheinen beim Lesen gedehnt, die Erlebnisse surreal, oft.

Handkes Sprache ist berührend altmodisch, da gibt es Worte, die einen in einen anderen Modus der Wahrnehmung versetzen, zum Beispiel Anderslauten, grundanders, gehalst und geherzt, ein Antlitz machen – um nur einige wenige Beispiele aus der zweiten Hälfte der Erzählung zu nennen.

Ein Brief – man schreibt wieder Briefe in dieser Anderswelt, es bilden sich gar nächtliche Schlangen vor dem Briefkasten – des Helden an seinen Sohn enthält einen interessanten Gedanken, die einzige Erwartung des Vaters an ihn: „Von Dir zu lernen.”

Am Ende dann also »Der Große Fall«. Die Sehnsucht nach der Katastrophe, das Schwelgen in einer Endzeitstimmung haben Konjunktur. Aber Texte von Peter Handke folgten in meiner Wahrnehmung noch nie dem Zeitgeist, war es bisher nicht eher umgekehrt?

Rezension von Lothar Struck auf Glanz & Elend


Frankfurter Buchmesse 2010

Unser Lebm besteht, weitgehend, in der Verarbeitung von Initial=Torheitn in End=Unvernünftijes
Arno Schmidt, »Zettel’s Traum«, S. 495


Wieder ist ein Jahr ’rum, wieder war Buchmessezeit, also stand am samstäglichen Publikumstag ein kleiner Rundgang an. Gespannt auf manches Gesuchte und auf Unvorhergesehenes, mäanderte ich eigentlich nur zwischen den Hallen 3 und 4 hin und her. Eine ganz subjektive Auslese, in etwa dieser zeitlichen Reihenfolge erlebt.

Los ging es in Halle 4, dort, wo zumeist die kleinen unabhängigen Verlage das Bild bestimmen. Der Schweizer Nimbus-Verlag hatte in seiner Koje ein Buch zu stehen, dass mich sofort fesselte: Karl Corino, »Erinnerungen an Robert Musil«. Es sind unglaublich viele Texte von Musil-Augenzeugen, die in diesem dicken Band (512 Seiten) versammelt sind und in der Summe ein facettenreiches, authentisches Bild des Mannes mit den vielen Eigenschaften zeichnen.

Am Stand des Schweizer Buchhändler- und Verlegerverbandes geriet ich in eine Buchvorstellung, in ein sehr interessantes Gespräch, das ein Moderator mit Thomas Maissen und Bernd Roeck über die »Geschichte der Schweiz« führte. Die Übersichtsdarstellung stammt vom Schweizer Maissen, der Professor für neuzeitliche Geschichte an der Uni Heidelberg ist, der Gesprächspartner Roeck kommt aus Süddeutschland und ist Professor für neuere Geschichte an der Uni Zürich. Und so war es eine gute Gelegenheit, Gründe für immer ’mal wieder aufbrechende gegenseitige Ressentiments, Projektionen, Missverständnisse usw. zwischen Deutschen und (Deutsch-)Schweizern erklärt zu bekommen, ansatzweise zu verstehen.

Der Kulturverlag Kadmos feiert derzeit sein 15jähriges Bestehen mit einem Special: Für jedes Jahr wird ein »Buch des Jahres« präsentiert. Für das Jahr 1997 ist es Charles Babbages Autobiografie, »Passagen aus einem Philosophenleben«. Die Bedeutung des britischen Gelehrten und Erfinders für die Mathematik und Computerwissenschaften kann man nicht bezweifeln, zumindest in diesem Buch jedoch kann man der Darstellung der Rolle seiner Mitarbeiterin und Programmiererin Lady Ada Lovelace (Augusta Ada King Byron, Countess of Lovelace) für seine Arbeiten an der ersten mechanischen Rechenmaschine eine beträchtliche Ignoranz zuschreiben. Sie wird nur einmal, nur in einem Zusammenhang erwähnt – das Buch hat über 320 Seiten. (Dafür kann Kadmos nichts.)

Auch Suhrkamp hat seinen Messestand in Halle 4, vielleicht ist das noch ein Fixpunkt des Verlages. Und dort fällt natürlich das Fest auf, das die Bargfelder Arno Schmidt Stiftung im Suhrkamp Verlag feiert, ist doch »Zettel’s Traum« endlich in gesetzter Form erschienen! Längeres ehrfürchtiges, amüsiertes, freudiges, kopfschüttelndes Blättern und An-Lesen, Kennenlernen des Apparates, ein kurzes Anheben des 7kg-Werkes waren also angesagt. Das war’s dann aber auch schon, schließlich kommt bald eine reale Ausgabe ins Haus…

Reizthema

Heine(-Preis) und Handke, das ist offensichtlich und zumindest für ein paar Tage ein Reizthema. Mich wundert der kollektive Beißreflex, wie er z.B. bei Su-Shee (in den Kommentaren, sich teils ins Unsachliche steigernd) oder in diversen Medien zu lesen war und ist. Unser guter Heine1 und dieser Irre! Gutmenschen & Bescheidwisser, sich selbst geißelnde Vertreter der „Nie wieder Deutschland“-Fraktion (Maresch’s Polemik dazu ist lesenswert) und Beschöniger des gewesenen Rot-Grünen Außenpolitik-Desasters2 hacken selbstgerecht auf Handke ‚rum, weil der sich (eigentlich ihnen nicht unähnlich) als Österreicher seit seiner Jugend fragend und Antworten suchend dem Balkan gegenüber verhält. Das alleine schon wird als politische Inkorrektheit begriffen. Manche sehen darin eine Parteinahme für die kollektiv verteufelten Serben, denen man die Alleinschuld am Morden und Brandschatzen zuweist. (Dass die Sache komplizierter ist, kann man sehr bei C.C. Malzahn nachlesen. Unbequem, denn die Mörder und Brandschatzer der anderen Seite hat man ja offiziell unterstützt.) Und bei jenen war die Schmerzgrenze mit Handkes Teilnahme am Miloševic-Begräbnis überschritten. Natürlich ist der ein Kriegsverbrecher gewesen, ein Verfemter. Diese einfache Wahrheit liegt auf dem Tisch, doch die große dahinter ist eben komplizierter. Wo waren die vielen Politiker des Westens, die dem lebenden Miloševic seine Verbrechen möglich gemacht haben, die ihn – wie der amerikanische Botschafter – seinerzeit dazu überredet haben?

Handke mag in der Sache irren und teilweise Unsinn reden. Aber er stellt im Gegensatz zu den Unterschriftstellern (Grass) Fragen. Und dass der Zweifel eine intellektuelle Triebkraft ist, steht ja wohl außer Frage. Handke hält sich, darin sich von anderen historisch Irrenden aber intellektuellen Genies wie Benn, Celine, Schmitt, Heidegger, Hamsun, Brecht und Pound unterscheidend, vom Macht-Pol, der Königs-Position fern.

Danke, Ulrich Greiner und Martin Mosebach, für die Texte in der Zeit!

1 Heine war seinerzeit ein notorisch bekannter Slawen-Hasser.
2 U.a. zu sehen an der Re-Militarisierung der Außenpolitik. Unsere am Hindukusch die Freiheit verteidigenden Jungs bejubeln berauscht den Fußball-Sieg gegen Costa Rica – diese O-Bilder, die ersten Bilder in den ZDF-Spätnachrichten gestern Abend, sollen uns auf welche Normalität einstimmen?

Wanted: Intellektuelle

Su-Shee will echte Intellektuelle und fragt sich, warum es in Deutschland keine gibt, warum sie keine findet. – Tja, warum gibt es in Deutschland diese Spezies nicht (mehr)?

Ob das in anderen Ländern aktuell der Fall ist, vermag ich nicht zu sagen. Ich verfolge den Markt der Ideen, Eitelkeiten & Besserwissereien nicht wirklich. Su-Shee erwähnt unter anderen die Namen Derrida und Sloterdijk; ich kenne Manche, die in Anbetracht der Baukästen des Ersteren zu lachen und angesichts der Blasen des Letzteren zu heulen anfangen. Egal! Ein großes Missverständnis ist es allerdings, Peter Handke in diesem Zusammenhang zu erwähnen. Handke ist ein Dichter, ein Poet der alten Schule. Sprachlich der Beste mit deutscher Zunge. »Gestern Unterwegs«, »Don Juan«, »Bildverlust«, »Niemandsbucht« – dafür sollte er mit dem Heine-Preis ausgezeichnet werden, nicht für political correctness (in Sachen Serbien-Kontroverse).

Diese political correctness von ihm zu verlangen und gleichzeitig nach aus dem Durchschnitt herausragenden, quer oder spitzenmäßig denkenden Geistern zu suchen, das ist das Missverständnis, das ist in meinen Augen die Ursache für das reklamierte Intellektuellen-Defizit.

Denn in Deutschland herrscht ein Klima, das Durchschnitt, Nichtauffallen, Normverhalten belohnt. Das trifft für Denker, Unternehmer, Künstler, Wissenschaftler und Politiker zu. Konsensgesellschaft, Reförmchenstillstand, allgemeine Niveauabsenkung – eigentlich sollte es da leicht fallen, intellektuell aufzufallen.

Für mich ist Klaus Theweleit ein auch aus dem üblichen Rahmen herausfallender Denker. Zuletzt mit »Friendly Fire«, davor mit »Deutschlandfilme«, dem »Knall«, »Ghosts«, den Mammutprojekten »Pocahontas-Komplex«, »Buch der Könige«. Erschienen im … Nischenverlag Stroemfeld / Roter Stern.

P.H. und Schönheit III

Schönheit als das Begleitende, der Schimmer, der Wahrheitsfindung

Labiler Schönheitsmensch: das Ausbleiben der Schönheit macht ihn böse – noch böser macht ihn die Häßlichkeit

Wenn er die Schönheit empfand, dachte sich in ihm von selber sein Kind herbei

Gegen Abend: die Mädchen werden schöner, und ich werde schöner (Leidseplein)

Mein, zeitweises, Bedürfnis nach Schönheit in Gestalt einer Frau, auch nur (vor allem?) im Vorübergehen: es ist fast ein Hunger, etwas beinah Herzzerreißendes. (Wie sagte sie? Der Mann, ein hungry hole?) Und wenn die Schönheit da ist? Ist sie da

Nofretete = »Die Schönheit ist da, ist angekommen« = heute das weiße Schmetterlingspaar auf der leeren Mittagsstraße nach Albana

Die Idealherrschaft der Schönheit: indem sie jeden besänftigt und jeden an das erinnert, was er war

Wozu stachelt mich die Schönheit auf? Immer dazubleiben

Quelle: weitere Fundstellen zu einem alten Thema hier aus »Gestern unterwegs«