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Fremde sind wir uns selbst

Nicht nur die schwarzen Schockwellenreiter sind wieder unterwegs. Die Panikmache hat keine eineindeutige Farbe, die Idee vom Kampf der Kulturen ist ohne kritische Rezeption – es ist ja nicht alles falsch an Huntingtons Text – in breite Bevölkerungskreise diffundiert. Die Wurzeln für Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sind in der Mitte der Gesellschaft zu finden, wie man spätestens an den selbst erlebten und medial verbreiteten Kommentaren zu diesem oder fast beliebig anderen Ereignissen merkt. Dazu gehört auch das Unbehagen vor dem Fremden, vor nach anderen Normen lebenden Menschen: zum Beispiel Frau Osthoff. In Kais rabenhorst kann man mehr dazu lesen,

wie populistische Rethorik weiter dazu beiträgt, dass nicht nur weitere Generationen von „home-grown Terrorists“ nachfolgen, sondern sich auch Fremdenfeindlichkeit in der Bevölkerung weiter ausbreitet.

Mich interessiert in diesem Zusammenhang nicht – sorry – der Aspekt, ob und wie mit der Terrorgefahr vermeintliche Sicherheitspolitik gemacht wird. – Bedenkenswerte Informationen und Meinungen dazu gibt’s von Florian Rötzer in Telepolis sowie von Kai im rabenhorst.) Mir kommt da wieder das einst gelesene »Fremde sind wir uns selbst« von Julia Kristeva in den Sinn.

Interessant am Fremden ist, dass all jene Elemente des Fremden Angst auslösen, die nicht in den eigenen symbolischen Haushalt zu integrieren sind. Wir seien so gepolt, dass der Fremde in uns längst vorhanden sei, noch ehe wir ihn äußerlich wahrnehmen. Deshalb kommt es – so Kristeva – darauf an, das Fremde anzuerkennen, nicht nur moralischer und politischer Optionen „sondern um unserer selbst willen“. Daraus leitet Kristeva auch eine Art psychopolitischer Utopie ab:

Können wir innerlich, subjektiv mit den anderen, die anderen erleben? Ohne Ächtung, aber auch ohne Nivellierung?

Im Unterschied zum traditionellen und ritualisierten Umgang mit dem Fremden, wie er etwa in „Die Welt zu Gast bei Freunden“ der Gastfreundschaft zu Tage tritt, geht es nicht mehr um die Aufnahme und die Integration des Fremden, sondern um ein Leben unter und zwischen Fremden. Die Anerkennung des Fremden beinhaltet im Kern das Eingeständnis, dass wir uns selbst Fremde sind:

Nicht mehr die Aufnahme des Fremden in ein System, das ihn auslöscht, sondern nach Zusammenleben dieser Fremden, von dem wir erkennen, dass wir alle es sind.

Wer kann von sich sagen, dass er restlos frei von Unbehagen gegenüber Fremden ist?