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Hugo Gernsback #2

Nach Karlsruhe 2013/14 – »Die Gernsback Prophezeiung. Father of Science Fiction« (s.a. hier) – nun 2017 die zweite Gernsback-Ausstellung in Deutschland: In Bingen am Rhein im Museum am Strom »Die wunderbare Welt des Hugo Gernsback«.
Der Ort Bingen ist für Gernsback nicht ohne Bedeutung: hier studierte der Luxemburger Elektrotechnik, das Gebäude des Museums am Strom war einst eines der ersten Elektrizitätswerke.

Hugo Gernsback

Hugo Gernsback schaut eine Fernsehübertragung von seinem Rundfunksender WRNY auf dem Cover der Novemberausgabe 1928 von Radio News.
Quelle: Wikimedia Commons

Ich vermute, man kann den realen Einfluss von Hugo Gernsback – dem schillernden badisch-luxemburgischen Entrepreneur – auf die technische Intelligenzija, auf die Community in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts nachträglich nicht messen und deshalb nicht wirklich hoch genug einschätzen. Seine in Amerika publizierten, lehrreichen Elektrik- / Elektronik-Versandkataloge, seine technisch-wissenschaftlichen Periodika (mit erheblichen fiktionalen, inspirierenden Ingredenzien) dürften mindestens so anregend und prägend für die Zielgruppe gewesen sein, wie z. B. Steve Jobs frühe Apple-Bastel-Sets bzw. dann Apple I/II oder Richard Stallmans Free-Software-Initiative etwa ein halbes Jahrhundert später.

Seit 1953 wird der Hugo-Award vergeben. – Noch bis zum 12.01.2014 läuft im Karlsruher ZKM die kleine aber feine Ausstellung «Die Gernsback Prophezeiung. Father of Science Fiction».

Literatur:
Franz Pichler, Hugo Gernsback und seine technischen Magazine. Von „Science Facts“ zu „Science Fiction“ und „Cold Facts“. Zum Leben und zum Werk eines ungewöhnlichen Luxemburgers in den USA, Linz, 2013

Gernsback im Luxemburger Autorenlexikon

Biolumineszierte Städte

„Das Neandertal-Experiment war zugleich der Höhe- und der Tiefpunkt der genetischen Revolution. Ein Erfolg war es insofern, als es gelang, diesen längst ausgestorbenen Cousin des Homo sapiens zurückzuzüchten, gleichzeitig aber auch ein Fehlschlag, weil die Wissenschaftler […] nicht weitsichtig genug gewesen waren, um zu begreifen, dass eine neue menschliche Spezies erhebliche soziale Probleme in der Welt auslösen musste, die solche Wesen seit dreißigtausend Jahren nicht mehr gesehen hatte […] Der Homo sapiens erwies sich als höchst un-sapiens.“
Gerhard von Squid, »Neandertaler. Rückkehr nach kurzer Abwesenheit«
Jasper Fforde, »In einem anderen Buch«


Die EDGE Foundation hat eine Summer Class zu Systembiologie, zu synthetischer Genomik abgehalten. Das ist sicher ein spannendes Thema, man kann sich dort auf der EDGE-Website schlau machen, worum es geht. FAZ und SZ berichteten ausführlich, haben offensichtlich überhaupt ihr Ohr an der Leitung. In der FAZ beschreibt Ed Regis unter der etwas reißerischen Überschrift „Der aktuelle Katalog der Schöpfung ist da“ ziemlich sachlich und unaufgeregt angedachte, auf der Konferenz vorgestellte und durchaus vorstellbare Szenarien. Wollhaarmammuts und Neandertaler gehören dazu. – Die meisten Bedenkenträger sind offensichtlich in den Ferien, der Aufschrei (Es kömmt darauf an, die Welt zu interpretieren, nicht sie zu verändern!) hielt sich in Grenzen.

Jasper Fforde imaginiert mit seinen Thursday-Next-Romanen ein Großbritannien, in dem Mammutherden durch die Lande ziehen und bestaunt werden, in dem Neandertaler – die Rückzüchtung war zwar ein wissenschaftlicher Erfolg, die vorgesehene Nutzung als Versuchsobjekt ethisch aber nicht durchsetzbar – als billige Arbeitskräfte und beliebtes Steuerabschreibungsobjekt fungieren. Das war Anfang des Jahrtausends.

Gestern nun lese ich einen sehr interessanten, von Sebald (»The Rings of Saturn«) sowie Glühwürmchen inspirierten Beitrag von Geoff Manaugh in seinem BLDGBLOG: The Bioluminescent Metropolis. Er fragt sich, was wäre, was sein könnte, wenn Architekten, Landschaftsarchitekten und Industriedesigner das Potenzial biolumineszierender Organismen in ihre Entwürfe und zu realisierenden Projekte einbeziehen würden.

Perhaps there really will be a way to using glowing vines on the sides of buildings as a non-electrical means of urban illumination.

Eine biolumineszierende Tabakpflanze, Bild via Wikivisual

Wer jemals in einer Höhle war und dort die leuchtenden Kolonien von Pilzmücken (glow worms) erlebt hat, versteht vielleicht auch die abschließende Vision des Manaughs:

But what if a city, particularly well-populated with fireflies (so much more poetically known by their American nickname of lightning bugs) simply got rid of its public streetlights altogether, being so thoroughly drenched in a shining golden haze of insects that it didn’t need them anymore? You don’t cultivate honeybees, you build vast lightning bug farms. How absolutely extraordinary it would be to light your city using genetically-modified species of bioluminescent nocturnal birds, for instance, trained to nest at certain visually strategic points – a murmuration of bioluminescent starlings flies by your bedroom window, and your whole house fills with light – or to breed glowing moths, or to fill the city with new crops lit from within with chemical light. An agricultural lightsource takes root inside the city. Using bioluminescent homing pigeons, you trace out paths in the air, like GPS drawing via Alfred Hitchcock’s »The Birds«. An office lobby lit only by vast aquariums full of bioluminescent fish! Bioluminescent organisms are the future of architectural ornament.

Irgendwie ist mir das viel sympathischer als Mammuts und Neandertaler.

Gravitube

„Für den Massentransport gab es in erster Linie Eisenbahnen und Luftschiffe. Die Eisenbahnen waren schnell und bequem, vermochten aber nicht die Ozeane zu überqueren. Die Luftschiffe konnten große Entfernungen überwinden, fuhren aber relativ langsam und waren sehr wetterabhängig. In den fünfziger Jahren brauchte man etwa 10 Tage, um Neuseeland oder Australien zu erreichen. Deshalb wurde im Jahr 1960 mit der Entwicklung eines neuen Verkehrssystems begonnen, das unter dem Namen Gravitube patentiert wurde. Es versprach störungsfreies Reisen an jeden Ort des Planeten. Die Reisezeit war stets dieselbe: etwas über vierzig Minuten, ob es nun nach Auckland, Rom oder Los Angeles ging. Es war möglicherweise die größte Ingenieurleistung, die sich die Menschheit je vorgenommen hatte.“
Vincent Dott, »Das zehnte Weltwunder: Die Gravitube«
Jasper Fforde, »In einem anderen Buch«

40 Jahre Mondlandung – nun ja. Die Strecke London – Sydney in etwa 40 Minuten zurücklegen zu können, finde ich im Augenblick spannender.

Dies ist theoretisch möglich. Galileo gab 1842 die korrekte Antwort auf die physikalische Frage, die zu jener Zeit viel diskutiert wurde: Was passiert, fiele man durch ein Loch, das genau durch den Mittelpunkt der Erde ginge? – Man würde bis zum Erdmittelpunkt mit zunehmender Geschwindigkeit und abnehmender Beschleunigung fallen, dort wäre die Beschleunigung Null. Danach ginge es mit abnehmender Geschwindigkeit und zunehmender Bremswirkung bis zum Austrittspunkt, bevor man wieder zurück fiele, und so weiter, und so fort – und unter der Voraussetzung, dass Luft- und sonstige Reibungswiderstände und die Corioliskraft vernachlässigt werden. [1]

Und so fiel Alice das Loch des Kaninchenbaus hinab. Sie fiel, fiel, fiel, und überlegte sich dabei, wie viele Meilen es bis zum Erdmittelpunkt wohl sein mögen, und ob sie wohl gänzlich durch die Erde hindurch fallen würde und bei welchen Längen- und Breitengraden sie ankommen würde. Sie fiel, fiel, fiel. Es gab nichts weiter zu tun, …

Das ist so, seit Lewis Carroll es um 1864/65 so wollte. »Alles über Alice« enthält u.a. die Texte »Alices Abenteuer im Wunderland«, »Durch den Spiegel und was Alice dort fand« sowie »Der Wesperich mit Perücke«. Der Band ist mit Tenniels Originalillustrationen versehen. Vor allem jedoch beeindrucken Martin Gardners unglaublich fundierte und detaillierte Annotationen [2], die einen ziemlichen Sog entfalten. [3]

Thursday Next [4] hat es 120 Jahre später in ihrem aufregenden Leben als Literatur-Agentin immer noch mit Figuren zu tun, denen schon Alice auf ihrer Reise begegnete. Und Next reist „wirklich“ mit der Gravitube von London nach Sydney! Die Stewardess leiert vor der Deep Drop genannten Reise die Sicherheitsbestimmungen herunter; so dürfen die Toiletten erst benutzt werden, wenn mindestens 40% der Schwerkraft zurückgekehrt sei. Der Shuttle wird in einer Luftschleuse eingeschlossen, dann erfolgt eine Dekompression, damit der freie Fall ohne Reibung erfolgen kann. Ein starkes Magnetfeld sorgt dafür, dass während der zurückzulegenden 8000 Meilen die Seitenwände nicht berührt werden und dass die Keramikröhre im Magma-Kern der Erde nicht schmilzt.

Thursday Next wird eine Visite in der Parallelwelt angedroht, dort fliegt man noch mit Jets um die Erde und braucht von London nach Sydney über 20 Stunden statt 40 Minuten, was ihr einigermaßen absurd erscheint.

Was würde sie wohl erst zum Phänomen Jetlag sagen?

[1] zur Physik dieses Gedankenexperiments siehe Hole Through The Earth Example
[2] Ich habe die deutsche Übersetzung aus dem Europa-Verlag gelesen. Im Web findet sich die englische Originalversion der Anmerkungen, »The Annoted Alice«.
[3] Und so hangelt man sich von Website zu Website; »Sylvie und Bruno« wird im Blog von Conrad H. Roth »Varieties of unreligious Experience« sehr schön analysiert. Dies, und Gardners Anmerkung Nummer 4, macht mich neugierig auf »Sylvie und Bruno«:

Carrolls Interesse an dem Problem läßt sich an der Tatsache ablesen, daß er im siebten Kapitel der Fortsetzung von »Sylvie und Bruno« außer anderen vertrackten wissenschaftlichen und mathematischen Kniffligkeiten (einem Möbiusband, einer projektiven Ebene und so weiter) auch eine bemerkenswerte Methode beschreibt, Züge mit der Schwerkraft als einziger Antriebskraft fahren zu lassen. Der Schienenstrang verläuft durch einen absolut geraden Tunnel von einer Stadt zur anderen. Da der Tunnel in der Mitte notwendigerweise dem Erdmittelpunkt näher ist als an den Ausgängen, rollen die Züge bergab bis in die Mitte und entwickeln dabei hinreichenden Schwung, um die andere Hälfte des Tunnels damit bewältigen zu können. Kurioserweise würde ein solcher Zug (wenn wir den Luftwiderstand und den Reibungswiderstand der Räder vernachlässigen) für die Fahrt ganz genauso lange brauchen, wie ein Gegenstand für den freien Fall durch den Mittelpunkt der Erde – etwas über zweiundvierzig Minuten. Diese Zeitspanne bleibt konstant, ganz gleich, wie lang der Tunnel ist.

Und man findet, auch dank Googles Book Search, vermutlich sehr interessante, jedenfalls vielversprechende Bücher: »Wittgenstein’s beetle and other classic thought experiments« von Martin Cohen sowie vielleicht auch »Hesiod’s Anvil: Falling and Spinning through Heaven and Earth« von Andrew J. Simoson.
[4] Jasper Fforde, »In einem anderen Buch« (Band 2 der Thursday-Next-Reihe)


In der Queue

Ganz frisch auf dem Tisch

Der Erfinder des Cyberpunk, William Gibson, hat seinen neuen Roman nach „Mustererkennung“ vorgelegt: »Quellcode«. Es geht um das eigendynamische Datennetz, dass sich um eine Dimension erweitert hat und nun als Krake mitten im Leben steht. Es geht um die Paranoia der modernen Gesellschaft, unserer Gesellschaft. Gibson faszinieren neue, grenzüberschreitende Technologien als unkontrollierbarer Motor der Menschheitsgeschichte.

Für mich war es schon immer selbstverständlich, dass Science Fiction nicht die Zukunft voraussagt, denn das ist schlicht unmöglich. Science Fiction handelt von dem Moment, in dem sie geschrieben wird.

SpOn bringt einen kurzen Beitrag zum Buch, die taz ein Interview.