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Auf’m Campus #16 (Was ist Bildung?)

Der AStA startet morgen mit einer Ringvorlesung zum Thema „Was ist Bildung?“, der Untertitel ist „Was heißt und zu welchem Ende studiert man … ??“ – Der Untertitel klingt etwas sperrig, einige der Themen an den nächsten acht Dienstage sind aber sehr interessant. (Klick auf’s Bildchen vom Plakat.)

„Jeder Student und jede Studentin haben ein notwendiges Interesse daran, nicht nur zu wissen, was die Hochschule zum Zweck hat, sondern auch, auf welcher Theorie dieser Zweck steht. Schließlich stehen auch sie vor der Frage, was ist Bildung und was heißt es, zu studieren?“


Wunschkatalog

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. August-Wilhelm Scheer ist auch erfolgreicher Multiunternehmer: u.a. die IDS Scheer AG (verdoppelt in der Krise mal eben den Gewinn) und der BITKOM werden von ihm geführt. In „Mit der Wirtschaftskrise aus der Ausbildungskrise“ formuliert er seinen Wunschkatalog an die zeitgemäße wirtschaftswissenschaftlichen Ausbildung:

• mehr Schumpeter und weniger Keynes,
• mehr Wirtschaftsgeschichte und weniger Mathe,
• mehr Interdisziplinarität und weniger abstrakte Modelle,
• mehr detaillierte Branchenkenntnisse und weniger Generik,
• mehr Ethik und weniger Ego.


Humboldt in Bologna?

Bologna ist der namengebende Ort für einen europäischen Prozess, der die Hochschullandschaften radikal verändert (hat): Umstellung auf Bachelor / Master, studienbegleitende Prüfungen, Credit Points, Konzeption der Studiengänge vom Workload her, Ausrichtung auf die Vermittlung von Schlüsselkompetenzen, auf „employability“ sowie schließlich ein etwas merkwürdiges qualitätssicherndes Akkreditierungssystem. Wilhelm von Humboldt prägte Anfang des 19. Jahrhunderts die klassische deutsche Universitätsidee, wozu auch die Rede von der „Einheit von Forschung und Lehre“ gehört. Der Bologna Prozess soll dafür sorgen, dass die Hochschulen dem Umstand Rechnung tragen können, dass heute weitaus mehr Studenten einen Abschluss begehren als noch in den 60er Jahren1), vor allem um im späteren Berufsleben eine größere Chance zu haben. Hinter Humboldt verschanzen sich die Bewahrer einer alten elitären Idee, die funktioniert hat, als man noch weitgehend „unter sich“ war, als fast nur Kinder aus bildungsbürgerlichem Hause studierten, vornehmlich um im Bildungswesen Berufskarriere zu machen, als die kulturelle Hegemonie des Bildungsbürgertums noch ungebrochen war.

Der Soziologe Uwe Schimank entlarvt in einem ausführlichen, lesenswerten Diskussionsbeitrag den Streit Bologna vs. Humboldt als Interessenskonflikt zwischen gesellschaftlichen Gruppen: „Humboldt: Falscher Mann am falschen Ort“.

Zusammengefasst: Humboldt lieferte die Ideologie derer, die ihren gesellschaftlichen Statuserhalt als relativ privilegierte Gruppe sichern wollten; Bologna hingegen ist die Ideologie derer, die sozialen Aufstieg durch akademische Bildung bewerkstelligen wollen. Doch dieser Konflikt ist bis heute von den ihn austragenden gesellschaftlichen Gruppen ebenso wie von den sie repräsentierenden politischen Kräften weitgehend unthematisiert geblieben. Man hat von Anfang an so getan, als gebe es ihn gar nicht.

Nebenbei kennzeichnet Schimank übrigens die Rede von der „Einheit von Forschung und Lehre“, dieses oft bemühte Humboldt-Ideal, als Euphemismus: niemand war an guter Lehre interessiert, weder die Professoren noch die Studenten. Unverständlichkeit etc. galt als Zeichen von Wissenschaftlichkeit, stärkte das Zugehörigkeitsgefühl, hatte systemerhaltende Funktion.

Wieder spricht also ein Soziologe mit demokratischem Gesellschaftssinn über die Hochschulreform; vor etwas über einem Jahr las und zitierte ich hierzu schon Dirk Baecker zur „nächsten Hochschule“2).

Pragmatiker sagen zum Bologna Prozess übrigens: nur kein roll back, aber ein paar Jahre Ruhe zur Konsolidierung sind unabdingbar!

1) 1966, in dem Jahr als die Beatles ihr letztes Konzert in den USA gaben, begann der Wissenschaftsrat eine Hochschulreform zu fordern. Mit dem Bologna Prozess wurde etwa 30 Jahre später diese gestartet.
2) Dirk Baecker, Studien zur nächsten Gesellschaft, Suhrkamp, stw1856, 2007, S. 98-115


Auf’m Campus #15 (Humboldts Erben?)

Heute sah ich im Studentischen Service Center eine Fotoausstellung von Nina Pieroth: Humboldts Erben. Die Bilder sind bzw. gehören zu ihrer Diplomarbeit hier an der Hochschule (FB Gestaltung, Lehrgebiet Fotografie).

Die Fotos finde ich nicht schlecht, die Triptychon-Idee interessant; man kann sie sich auch auf ihrer Website ansehen.

In der Ausstellung hängen neben den Fotos Statements der Porträtierten, die allesamt Studierende jenseits des 20. Fachsemesters (überwiegend Uni Frankfurt, vermutlich) sind. Alle sehen sich nicht mehr gerne als Studenten, haben innerlich damit abgeschlossen, wollen eigentlich nur noch irgendwie einen Abschluss.

Wie man auch zum Humboldtschen Ideal damals und heute stehen mag: sind das seine typische Erben?

Open Education und iTunes

Wenn man sich den auf iTunes einlassen will, dann kann man dort komplette Vorlesungsmaterialien und -videos auch von deutschen Hochschulen kostenlos downloaden. (Die Videos im m4v-Format werden auch vom VLC-Player akzeptiert und abgespielt.)

Die Ludwig-Maximilians-Universität München (iTunes-Link), die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg (iTunes-Link), die RWTH Aachen University (iTunes-Link) und das Hasso Plattner Institut für Softwaretechnik an der Universität Potsdam (iTunes-Link) sind derzeit die Anbieter.

(s.a. die Pressemitteilung vom HPI: Aktuelles IT-Wissen mit iTunes U kostenlos aneignen und auffrischen)