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ueber morgen: A Scanner Darkly

  

Im Rahmen des ueber morgen Filmfestivals zeigt der Mainzer CCC am 25.04.2008 im hiesigen Capitol Linklaters Dick-Verfilmung »A Scanner Darkly«.

(Tipp vom Haken, Flyer vom CCCMZ)

Die Zukunft der Stadt

Die Zukunft der Stadt – Explodieren Schrumpfen Konkurrieren ist der Schwerpunkt eines zufällig erlangten, interessanten Heftes „Kulturaustausch“ des Institutes für Auslandsbeziehungen.

Es gibt interessante Beiträge, einige sind online wie der von Klaus Töpfer (Der Chaosplanet). Der des niederländischen Architekten Rem Koolhaas (Mut zur Lücke. Wir verplanen jeden Quadratmeter. Was dabei herauskommt, hat mit einer lebendigen Stadt nichts zu tun.) leider nicht. Deshalb und auch aus aktuellem Anlass hier eine schöne Passage über Überwachung, London und pro Vielfalt:

Im Rahmen einer Bestandsaufnahme davon, was die Stadt ist und was uns womöglich verloren gegangen ist, analysierte unser Büro anhand eines 40 Jahre alten idyllisch anmutenden Bildes der Isle of Wight, was heute alles nicht mehr möglich wäre. Das geht schon bei den Stoffüberdachungen los, die heutzutage mit dem CCTV-Kamera-Überwachungssystem in Konflikt geraten würden; es geht weiter mit den chaotisch geparkten Lieferwagen, den religiösen Symbolen im öffentlichen Raum und den verdächtigen Regenmänteln, mit denen die Menschen an einem sonnigen Tag herumlaufen. Mit anderen Worten: Was auf den ersten Blick einer Idylle entspricht, enthält genaugenommen eine Reihe irritierender Elemente, die wir heute nicht mehr tolerieren. Für mich ist das ein wichtiger Punkt, und ich denke, hier ist uns definitiv etwas verloren gegangen.
Es dauerte lange, bis ich London lieben lernte, aber zu seinen größten Vorzügen zählen für mich heute gerade die vielen Beispiele mangelhafter Stadtplanung, die mittelmäßige bis schlechte Architektur und die vernachlässigten Stadtviertel, in denen jedoch die unterschiedlichsten Menschen wohnen. Es handelt sich um das Gegenteil dessen, was wir professionell anstreben.


Schießen Sie nicht auf den Touristen!

Das kleine, aber nicht leichtgewichtige Büchlein des Italieners Duccio Canestrini »Schießen Sie nicht auf den Touristen« ist eine Kulturkritik des unbefleckten Reisenden entlang der „Achse des Bösen“.

Reisen war immer schon eine verdammt unsichere, gefährliche Sache. Das reicht von der strapazierten Figur des Reisenden, der im Kochtopf endet, über die Wegelagerei zu Lande und Piraterie auf See bis zur früher schon und heute immer noch einträglichen Geiselnehmerei. Hinzu kommt die problematische Stellung, das Unbehagen, das ein Fremder, ob nun Pilger, Händler, Soldat, Missionar, Journalist, Einwanderer, Wanderarbeiter oder eben Tourist, in einer mehr oder weniger geschlossenen Gesellschaft erzeugt.

Canestrini beleuchtet den Status des westlichen Touristen in dieser Welt, sieht zum Einen Parallellen zu dem des Diplomaten: Neben der Tatsache, dass für Touristen die in der Fremde in der Patsche sitzen, das Außenministerium zuständig ist, sei hier an den Ex-Kanzler Schröder erinnert, für den Ferien (ob in Italien oder Hannover) keineswegs eine Privatsache waren. In armen Gegenden zumindest präsentiert der Tourist sich als Herold der Überflussgesellschaft – wo gehungert wird, sind Touristen nun mal nichts anderes als wandelnde Geldsäcke.

Der Mensch ließ sich bisher nie in seinem Mobilitätsdrang bremsen. Die Sicherheitsversprechen von Politik und Wirtschaft tragen dazu bei – und führen zu einer allgegenwärtigen Aufrüstung. Canestrini lässt das ganze Arsenal Revue passieren: Überwachungskameras, biometrische Identifizierung („fleischgewordenes Passwort“), Sicherheitskontrollen, Check-Ins, elektronische Fußfesseln, Datenbanken, bewaffnete Eskorten als Begleitung (wie zu Zeiten der Postkutschen und Massenpilgerfahrten, der ersten „Gruppen“-Reisen), Versicherungen, eingezäunte Ferienanlagen usw. Huxleys „Schöne neue Welt“ und Orwells „1984“ lassen grüßen. All das bildet auch eine Art „Airbag-Kultur“ heraus, bei der die Fetischisierung von Sicherheitsvorkehrungen und Versicherungen zu verantwortungslosem Handeln auf verführt.

Operation Enduring Holidays. Krisenfeste und gepanzerte Ferien. Natürlich wohlverdient, und deshalb auch gerecht und nicht verhandelbar, ebenso unverhandelbar, wie es der Lebensstil der westlichen Länder ist. Tourismus mit Schutzschild, Urlaub um jeden Preis?

Canestrini schließt sein sehr lesens- und bedenkenswertes Buch mit der Darstellung zweier alternativer Szenarien. Diese sind das Szenario der Abriegelung unter Aufsicht, mit fortschreitender Militarisierung des Tourismus, sowie das Szenario der Integration, ein nicht immunisierter, durchlässiger Tourismus. Beide Szenarien existieren parallell nebeneinander, man kann sich entscheiden, welches man persönlich vorzieht.

s.a. Der Mensch als Tourist bei Telepolis.
About Homo turisticus, Canestrinis Website:

Travel myths and holiday rythes are my personal field. Both with a scientific and an ethical approach.


Schöne neue Welt

In Huxleys »Schöne neue Welt« liegen die Dinge zwar etwas anders, doch der Titel erschien jetzt auch dem sabbeljan als Nagel geeignet, an den er seine lesenswerte Glosse (verwaisten Link entfernt) hängen kann.

Aber vielleicht leben wir ja schon in einer Welt, wie Huxley sie beschrieben hat: Widerstand gegen den Biometrie- und Überwachungswahn gibt es nur von wenigen, die meisten Menschen fühlen sich ohnmächtig, nicht betroffen („habe nichts zu verbergen“) oder stehen unter „Soma“.