Posts Tagged: Urheberrecht

Kulturkampf (2)

Pünktlich zum Welttag des Buches und des Urheberrechts hat Jürgen Neffe („Einstein“, „Darwin“) in der Zeit einen langen Beitrag zum Kulturwandel in Sachen Buch geschrieben: „Es war einmal“. Die Ära des gedruckten Buches geht zu Ende, wenngleich es diese weiter geben wird. Die bestimmende Form aber ist die digitale, und Neffe findet das ganz und gar nicht traurig. Er macht auch gleich einige Vorschläge für die Vermarktung digitaler Texte. Insgesamt sieht er im digitalen Zeitalter sogar mehr Chancen für eine autorengerechtere Entlohnung. Neffe schließt mit

Womöglich werden wir oder unsere Nachfahren eines Tages, um das Lesen und Schreiben zu retten, noch einen Schritt weiter gehen und allen alle Texte und Inhalte grundsätzlich kostenlos zur Verfügung stellen. Freie Lektüre als Teil des Grundrechts auf Bildung – und als Erfolgsmodell moderner Wissensgesellschaften. Open Access wäre nicht der Untergang des Abendlandes. Im Gegenteil.

(In der heutigen FAZ ist übrigens ein Foto von Enzensberger vor seinem Bücherregal; darinnen präsentiert er stolz ein eBook-Reader.)

Herr Reuß (siehe hier) hingegen kann es nicht lassen: wiederholt und mit Methode vermengt er seine nicht unberechtigte Kritik an Googles Digitalisierungsaktivitäten auf der einen Seite und Open Access als Publikationsform vor allem von Naturwissenschaftlern auf der anderen Seite. Deshalb, wegen dieser Vermengung, kann man als vernünftig denkender Mensch seinen Appell nicht unterstützen! Mit viel Schaum vor dem Mund hetzt er in „Unsere Kultur ist in Gefahr“ gegen die „Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen“1) (die Anführungszeichen sind von ihm) und gegen Open Access – ohne dieses Wort in den Mund zu nehmen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Herr Reuß so dumm ist, nicht den Unterschied zwischen dem ungefragten Einscannen von Büchern und Open Access zu erkennen. Vielleicht nutzt er gar wissentlich seine Anti-Google-Kampagne in Sachen Urheberrecht zur Verleumdung von Open Access, dass in den Geisteswissenschaften mit seiner langsamen Buchkultur noch nicht Fuß gefasst hat? Vielleicht ist es Ausdruck eines Unbehagens vor Zeiten, wie sie Jürgen Neffe skizziert hat?!?

Können 1500 Unterzeichner2) irren? Vermutlich haben die weitaus Meisten gegen die als Enteignung3) empfundene Einscan-Aktion durch Google gestimmt, nicht gegen Open Access in der Wissenschaft, wie Reuss es darstellt und gerne hätte. Die Zahl ist das Maß der Dinge? Wenn ja, dann sieht’s vergleichsweise schlecht für den „Heidelberger Appell“ aus, denn die „Petition for guaranteed public access for public-founded research results“ hat bisher 27652 Unterzeichner (Stand 25.04.2009)

Die aktuelle Diskussion wird u.a. dort zusammengefasst:
• Informationsplattform Open Access: Aktuelle Diskussion um Open Access und Urheberrechte
• Infobib: Beiträge mit Tag heidelberger_appell sowie Materialsammlung zum Heidelberger Appell
• Archivalia: Open Excess: Der Heidelberger Appell
• delicious: CHs Bookmarks, alle Bookmarks

1) Alle deutschen Wissenschaftsorganisationen hatten sich gegen seinen „Heidelberger Appell“ gewandt und zu Open Access bekannt, haben den Vorwurf der Einschränkung der Publikationsfreiheit zurückgewiesen. (Gemeinsame Erklärung).
2) Politiker: Dass Frau Zypries den Heidelberger Appell unterstützt, wundert mich eigentlich gar nicht mehr. Frau Leutheusser-Schnarrenbergers Unterschrift hätte ich nicht erwartet.
3) Die Enteignung der Autoren durch die Verlage wird im Appell bezeichnenderweise nicht thematisiert.


Kulturkampf

Man ist ja fast versucht, Herrn Reuß auf erprobte Art als „Professor aus Heidelberg“ zu denunzieren…

Der Herr Reuß wurde zornig, weil er von ihm mit herausgegebene Kleist- und Kafka-Briefe (deren Urheberrecht abgelaufen ist) bei Google-Books entdeckte. Dieser Zorn und einiges Open-Access-Ressentiment entlud sich in einer Polemik in der FR, wilden Repliken (z.B. hier wieder in der FR oder dort als Machtergreifungs-Phobie in der FAZ) auf Gegenargumenten und kulminiert gegenwärtig wohl im Heidelberger Appell. Er und seine Unterstützer werfen Open Access und Google in einen Topf, schreien: „Enteignung“! Ein Kulturkampf tobt.

Zur Genese: Gudrun Gersmann‘ Antwort in der FAZ (dort zitiert und kommentiert) hatte ich im Flieger ans andere Ende der Welt gelesen. (Und dann die Sache vergessen.) Matthias Spielkamp hat heute im Perlentaucher (Open Excess: Der Heidelberger Appell) eine umfassende und überzeugende Kritik an den Umtrieben von Reuß & Co. geliefert. Klaus Graf sammelt und kommentiert auf Archivalia das Medienecho und die Standpunkte. (Derzeit und in umgekehrter zeitlicher Reihenfolge: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10). Selbst bei golem.de gibt es einen informativen und kritischen Überblick: Ein Kulturkampf um das Wissen.

Es sieht so aus, als verdeutliche die Kampagne – und welche Unterstützer diese findet – wieder einmal den tiefen Graben zwischen Geistes- und Natur- bzw. Technikwissenschaftlern. Schade, dass von mir geschätzte Literaten und Wissenschaftler (Theweleit, Kehlmann, Braun) zu den Appellunterzeichnern gehören.

[UPDATE:] s.a. KULTURTECHNO, Materialsammlung bei Infobib

Charts Music

Johannes Kreidler hat Melodien aus Aktienkurven arrangiert. Den „vorfinanzierten Hörsturz zur Finanzkrise“ kann man sich auf KULTURTECHNO holen: Charts Music.

Kreidler bloggt auch über die Reaktionen auf das Stück: U.a. wird anderswo ernsthaft diskutiert, ob die Aktienkurse geistiges Eigentum seien. Dann würde mit Charts Music eine Urheberrechtsverletzung vorliegen, und in dieser Wunde rührt Kreidler ganz bewusst auf seine aktions-künstlerische Art. Nicht erst mit diesem Stück, nicht erst seit der GEMA-Aktion.

(via Moewenglanz)

Impressionen vom Linux-Tag

Nach Stuttgart (2001) und Karlsruhe (2002, 2003) war ich dieses Jahr ‚mal wieder auf dem LinuxTag, allerdings nur am letzten Messetag, am Samstag. – Schließlich fand der LinuxTag das erste Mal in Berlin statt.

Man kann an einem Tag sechs einstündige Vorträge schaffen und in der Zwischenzeit sich bei den Ausstellern noch detailliert mit Informationen versorgen. Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt, würde ich sagen.

Zu sehen gab es nicht nur Linux (auffällig oft auf Apple-Hardware, den Intel-Macbooks) und jede Menge Open Source Software unter Linux. Zu sehen gab es auch einige Hardware, z.B. die auf jeweils eigene Art faszinierenden Sun X4600M2 8xAMD Opteron Server und OLPC-Laptop. Das interessanteste Projekt war OpenStreetMap mit keinem geringen Ziel als

Creating a free map of the world

Wer schon einmal, und wenn auch nur flüchtig, in die Büchse der Pandora der unterschiedlichen Copyrights beim gedruckten oder online befindlichen Kartenmaterial geschaut hat, kann das Verdienst der Akteure nur würdigen. Da die Daten mühsam via GPS aufgenommen, Straßennamen und anderes notiert, alles zusammen dann im wiki-like OSM-Editor gepflegt wird, und man auch zur Verifizierung nur eigene, freie Daten benutzt, geht die Sache nur langsam voran. Und die Serverhardware ächzt.

Was gibt’s von den besuchten Vorträgen zu berichten: Die Java- / J2EE-Spezialisten von Infopark (NPS) haben ihr erstes größeres Kundenprojekt mit Ruby on Rails gemacht – und zeigten sich begeistert von der Produktivität (etwa 100% Steigerung) und dem Komfort des Frameworks. Hinsichtlich Skalierbarkeit und Performance wird man sehen… Bei der parallelen Live-Installation von Ubuntu und Kubuntu ging mehr schief, als die Werbung verspricht… Das neue Feedback- und Umfragen-Modul von Moodle freut sich die Anwender, die es einsetzen. Es sieht aber so aus, als ob es auch nicht mehr kann als PHPSurveyor, pardon, LimeSurvey. Der interessanteste Vortrag für mich war der von Markus Wirtz von Open Source Press. Er setzte sich kritisch mit Richard Stallmans Freiheitsbegriff (siehe GPL) und dessen Übertragung von der Software auf das Verlagswesen auseinander. Wirtz hörte die von Stallman auf der FOSDEM 2005 erneut vorgetragenen Angriffe auf die Verleger. – Gute Bücher zu machen ist nämlich noch ‚mal etwas anderes als Cookbooks, Kurz-und-Gut-Hefte, Manuals, HowTos zu schreiben. Notwendig und sinnvoll ist beides.

Und es gab reichlich Munition zum Üben des Distributionen-Weitwurfs aka Installieren.



Open Source Jahrbuch 2007

In wenigen Tagen erscheint das »Open Source Jahrbuch 2007«. Dieses wurde, wie in den vergangenen Jahren, von einem Team um Bernd Lutterbeck am Lehrstuhl Informatik und Gesellschaft der TU Berlin editiert, und reflektiert wieder die neuesten Entwicklungen in den Bereichen Freie Software, Open Source, Open Access und Open Content. Es geht nicht um technischen Geek Stuff, sondern um historische, kulturelle, ökonomische und rechtliche Grundlagen oder Überbau, je nach Blickwinkel. Mehrere prominente Autoren konnten gewonnen werden, z.B. Richard Stallmann, Bruce Perens, Gundolf S. Freyermuth und Franz Nahrada (1, 2, 3).

Bisher habe ich „nur“ einen Überblick über die Kapitel „Open Access“ und „Das Prinzip Open Source“ gewonnen. In Letzterem finden sich mit Freyermuths und Nahradas Beiträgen mich überraschende Perlen.