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Gelesen

Nun doch noch eine nachträgliche Buchung für 2010, die gelesenen Bücher. Um von den noch ungelesenen Neukäufen im Regal zu schweigen. Ist so schon schlimm genug.

Loslabern

Ja, ja, »Loslabern« ist ein alter Hut – in Anbetracht der Halbwertzeit feuilletonesker Texte. Den Herbst 2008 behandelnd, im Herbst 2009 erschienen, kurz danach im Begleitschreiben aufgefallen (als die Rezension noch kommentarlos da stand), verschwand es aus meinem Radar. Warum sollte ich einen Rainald Goetz lesen, warum Zeit mit einer literarisch daherkommenden Bedeutungshuberei, mit einer an den zwielichtigen Bereich zwischen gedrucktem Boulevard und Life Style – Hauptsache Pop – verschwendeten Text-Produktion vertändeln? Aber Goetz‘ Büchlein ist dann unlängst (doch wieder) durch des Umblätterers Verweis auf die 10 Minuten bei Harald Schmidt in meinen Fokus geraten. Goetz‘ merkwürdiges, hyperaktiv-überreizt vorgetragenes, doch ehrfürchtig erscheinendes Labern über und gegen die „maßgebende Stelle“, die da spricht – das FAZ-Feuilleton – machte mich neugierig.

Es ist, wie schon gesagt, ein Bericht über den Herbst 2008, konkret über seine Erlebnisse auf der Frankfurter Buchmesse und auf dem FAZ-Herbstempfang in Berlin. Alles, fast jeder Satz, ist vom Rauschen der Großen Krise überlagert, natürlich. Und, um das vermutlich für sich historisch einzuordnen, palavert Goetz penetrant und angewidert über die auf die schreckliche Zeitenwende 99/00 folgenden Nullerjahre. Man wundert sich einerseits, dass er sie überlebt hat. Andererseits, vielleicht braucht er dieses obsessive Aufpumpen der Nullerjahre mit Bedeutung, mit Metaphysik auch, für sein Ego, sein Selbstbild? (Dass da ein paar Komplexe mitschwingen, merkt man, wenn es in »Loslabern« um den anderen schreibenden Arzt und dessen Turm geht…)

Ich gebe zu, die Schlüssellochperspektive seines Textes über den FAZ-Herbstempfang mit Genuss goutiert zu haben. Das Hotel de Rome ist natürlich nicht mit Ostrom zu verwechseln, die maßgebende Stelle, die da in ersterem Hof hält im Herbst 2008, spricht facettenreicher und ist intellektuell anpassungsfähiger als die untergegangene im Ostrom Tellkamps je dachte und sein konnte bzw. sein wollte.

Es bleibt der Eindruck, »Loslabern« ist ein feuilletoneskes Kabinettstückchen, ein Thomas-Bernhard-fixiertes, also wütendes Traktat. Und es ist wohl literarisch belanglos.

Short Cuts #2

"She" and the Three Beggars, Film Still "Antichrist", © MFA+ FilmDistribution e.K.

Nach überreichlicher Lektüre – von Suchsland über Kehlmann bis zu Jelinek – habe ich nun endlich Lars von Triers »Antichrist« sehen können. Das vorherrschende Gefühl beim Sehen ist Angst. Das Böse in der Welt – die Natur. Der Horror des Geschlechterkampfes. Die Frau als Heilige und / oder Hexe. Chaos regiert, sagt der Fuchs.

Wie unsinnig ist Daniel Kehlmanns Frage? [1]

Was, wenn die Hexenverbrennungen berechtigt waren? Wenn es den Teufel gibt und wenn böse Frauen existieren, die mit ihm im Bunde sind?

Kein eindeutiges Urteil ist mir vorerst das einzig angemessene Urteil für diesen Film, der visuell zumindest große Kunst ist und eine Zumutung auch.
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Gerade frisch erschienen: Uwe Tellkamp, »Reise zur blauen Stadt«, ein Gedicht in 40 Kapiteln. Die namenlose blaue Stadt borgt sich Gebäude, Wasser und Flair von Venedig, die handelnden Personen arbeiten im Serapionstheater, Nautischer Akademie, Stadtverwaltung und Schloß; das Kapitel mit den Tagebuchaufzeichnungen eines gewissen Münchhausen steht an zentraler Stelle des Textes.

Der Inselband ist ein ästhetisches Kontrastprogramm zu seinem ausschweifendem Dresden-Roman »Der Turm«. Für mich als Leser ist’s hinsichtlich Genre eine Übung.
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Sarrazin hat hier Recht. [2] (Lettre International bringt zum Glück nicht zum ersten Mal abweichende Meinungen [3], pfeift auf die Gesinnungspolizei.)

[1] „Die Natur ist Satans Kirche“, DIE ZEIT, 03.09.2009 Nr. 37
[2] „Klasse statt Masse“, Von der Hauptstadt der Transferleistungen zur Metropole der Eliten, Thilo Sarrazin im Gespräch, Lettre International Nr. 86 (Berlin auf der Couch), S. 197-201; online nur ein kleiner Auszug
[3] Der im Juli 2009 verstorbene Peter Krieg z.B., er schrieb im Dezember 2008 mit größtmöglichem Abstand zum Mainstream aka Keynesianismus und in Anlehnung an die großen österreichischen Nationalökonomen über „Krankes Geld“, Lettre International Nr. 83, online nur ein kleiner Auszug.


Der ganze Turm

Es blieb spannend bis zum Schluss, und endet am 9. November ’89; das letzte typographische Zeichen in Tellkamps „Der Turm“ ist, sehr sympathisch, ein Doppelpunkt.

Für mich ist das Erzählte nicht weniger als die literarisch verdichtete Quintessenz der 80er Jahre in der untergegangenen DDR. Da ist irgendwie alles drin, was ich unbewusst gesucht habe. Da ist vieles drin, was ich gar nicht gesucht habe, was auf dem Wege des Vergessens war. Für mich stimmt, was Jens Bisky in der SZ (laut Schutzumschlag) behauptet haben soll: Wer wissen will, wie es damals war, soll diesen Roman lesen.

Wobei später Geborene und anderswo Sozialisierte ihre Probleme haben werden, manche Eigenart, manches Zeichen, manches Verhalten zu verstehen. (Das ist dann ungefähr so unbekannt absurdes Land, wie ich es in Joan Didions Amerika-Essays beschrieben finde. Gleichwohl spannend.) Natürlich versucht man Personen zu entschlüsseln, ich vor allem in den Schriftsteller-Kabalen. Man denkt dann, z.B. Fühmann, Hacks, die Kuczynskis entdeckt zu haben, aber das ist Quatsch. Die Figuren sind Typen, in jeder stecken mehrere. Ebenso sind manche Ereignisse satirisch überzeichnet, mögen unwahrscheinlich, unglaubhaft sein – und sind gerade deshalb wahr. Es ist ein Roman und kein Geschichtsbuch, es ist Kunst.

Tellkamp erzählt unglaublich spannend und abwechslungsreich. Ganz und gar nicht langweilig sind diese fast tausend Seiten, mitunter gar sehr pointiert: Das kürzeste Kapitel hat 3 Zeilen und besteht aus fünf Worten.

Mehr Worte, eine ausführliche Rezension mit grober Darstellung des Inhalts, der Handlung, findet sich u.a. bei Begleitschreiben.

Der halbe Turm

Ich habe die Hälfte, das erste Buch von Tellkamps „Der Turm“ – Die Pädagogische Provinz – geschafft. Und ich bin immer noch begeistert von seiner Art zu erzählen, eine Art, die ich als Wiederentdeckung der Langsamkeit des Erzählens, das Pflegen eines gründlichen Erzählens empfinde. Dabei gibt es stilistisch eine ziemlich große Abwechslung, manche Kapitel kommen als Drama daher, andere sind Slapstick, reflexiver Tagebucheintrag, Naturbeschreibung usw..

Und dann ist da dieses Motiv, dass die spezifisch Dresdener Art zu denken, früher und heute, sehr gut beschreibt:

Dresden … In den Musennestern / wohnt die süße Krankheit Gestern