Posts Tagged: Wissen

Kulturkampf

Man ist ja fast versucht, Herrn Reuß auf erprobte Art als „Professor aus Heidelberg“ zu denunzieren…

Der Herr Reuß wurde zornig, weil er von ihm mit herausgegebene Kleist- und Kafka-Briefe (deren Urheberrecht abgelaufen ist) bei Google-Books entdeckte. Dieser Zorn und einiges Open-Access-Ressentiment entlud sich in einer Polemik in der FR, wilden Repliken (z.B. hier wieder in der FR oder dort als Machtergreifungs-Phobie in der FAZ) auf Gegenargumenten und kulminiert gegenwärtig wohl im Heidelberger Appell. Er und seine Unterstützer werfen Open Access und Google in einen Topf, schreien: „Enteignung“! Ein Kulturkampf tobt.

Zur Genese: Gudrun Gersmann‘ Antwort in der FAZ (dort zitiert und kommentiert) hatte ich im Flieger ans andere Ende der Welt gelesen. (Und dann die Sache vergessen.) Matthias Spielkamp hat heute im Perlentaucher (Open Excess: Der Heidelberger Appell) eine umfassende und überzeugende Kritik an den Umtrieben von Reuß & Co. geliefert. Klaus Graf sammelt und kommentiert auf Archivalia das Medienecho und die Standpunkte. (Derzeit und in umgekehrter zeitlicher Reihenfolge: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10). Selbst bei golem.de gibt es einen informativen und kritischen Überblick: Ein Kulturkampf um das Wissen.

Es sieht so aus, als verdeutliche die Kampagne – und welche Unterstützer diese findet – wieder einmal den tiefen Graben zwischen Geistes- und Natur- bzw. Technikwissenschaftlern. Schade, dass von mir geschätzte Literaten und Wissenschaftler (Theweleit, Kehlmann, Braun) zu den Appellunterzeichnern gehören.

[UPDATE:] s.a. KULTURTECHNO, Materialsammlung bei Infobib

Information, Kommunikation

Vor über einem Jahr hatte ich einen Braindump in Sachen Daten, Informationen, Wissen. Mir stieß und stößt die häufig ungenaue Verwendung dieser Kategorien im Alltag auf. Damals zitierte ich Heinz von Foerster mit

Der Hörer, nicht der Sprecher, bestimmt die Bedeutung einer Aussage.

und eben dies kam mir in den Sinn, als ich in der Zeit ein kurzes Interview zum Thema Kommunikation und Information las.

Der Interviewte, ein Herr Krotz, bezeichnet als einen der größten Irrtümer, dass man lange Zeit ein zu schlichtes Modell von Kommunikation hatte, diese als Informationstransport betrachtet habe: Wer sagt was zu wem über welchen Kanal? Der Fokus lag auf beobachtbaren Prozessen, die entscheidenden, in uns ablaufenden Prozesse wurden ignoriert.

Es kommt nicht so sehr darauf an, wer was sagt, sondern wer was versteht.

Dies all denen ins Stammbuch, die meinen, sie informieren doch, also hätten sie keinerlei Kommunikationsdefizite.

Unordentliches Wissen

David Weinberger, mir bekannt vom »Cluetrain Manifest«, befasst sich in seinem Buch »Das Ende der Schublade. Die Macht der neuen digitalen Ordnung« (Everything is Miscellaneous. The Power of New Digital Order) mit der Geografie und der Form, mit der Ordnung und der Unordnung, mit der Vergangenheit und der Zukunft des Wissens. Es ist ein Plädoyer für die Unordnung als natürliche Ordnung –

Die menschlichen Themen sind zu groß und zu schwammig, um gut in Schubladen zu passen.

–, wider hierarchisch durchgesetzte Taxonomien, pro bottom up erzeugtes bzw. dokumentiertes Wissen.

Eleanor Roschs Forschungen zeigen, dass Unordnung sozusagen zu unserer Essenz gehört. Sich vorzustellen, dass wir ohne Unordnung denken könnten, würde bedeuten, dass wir wie Computer denken würden – mit anderen Worten: dass wir überhaupt nicht denken würden.

Da bleibt natürlich ein nebenbei ausgeteilter Seitenhieb gegen die Don Quichotterien (?) der Semantic Web Projekte nicht aus:

Das Semantic Web soll das Web durch die Kraft der Metadaten schlau machen, manchmal allerdings auf eine Weise, die an Bemühungen der zweiten Ordnung, das Universum zu kategorisieren, erinnert.

Ein lesens- und bedenkenswertes Buch! Das Weinberger übrigens den Bibliothekaren widmete.

Bluepedia

Gunter Dueck berichtet jetzt – nach einem Interview in der Computerzeitung vor einiger Zeit – in seiner Dueck-β-Inside-Kolumne im Informatik-Spektrum ausführlich über das von ihm initiierte Bluepedia-Projekt. Bluepedia ist internes Wissensmanagement, aufgezogen analog der Wikipedia.

Seiner Meinung nach kann Wissensmanagement in einem Firmen-Intranet nicht funktionieren, da sind viel zu viel Regulation, Vorschriften, alte Unternehmenskultur. Für echtes, absichtsloses, nutzbares Wissen brauche man eine Wikipedia.

Warum aber eine Wikipedia? Warum nicht etwas anderes? Aus meiner Sicht hat die Form der Wikipedia einen entscheidenden Vorteil, der leider für Controllerartige und Kommunikationsabteilungsleiter nur schwer zu verstehen ist und vielleicht nie wirklich zu schlucken: Man kann Artikel nach und nach schreiben, bis sie irgendwann einmal gut sind. […] Fazit: Ganze Artikel schreibt ,,KEINER“. Zusätze an Artikelbaustellen schreiben ,,VIELE“ (leider längst nicht alle). Deshalb funktioniert der Wikipedia-Ansatz und ein andersartiger nicht.

U.s.w.u.s.f., die Gründe für den Erfolg der Wikipedia kennen wir. Wie aber transponiert man dieses Prinzip in ein Unternehmen?

Corporate Wiki

Gartner & Co. reden ja schon einige Zeit davon, weisen schon seit ein paar Jahren dem Corporate Web 2.0, egal ob in Gestalt eines Blogs oder Wikis, seinen Platz auf ihrem Hype Cycle zu. Im Real Life sind mir – von meinem etwas abseitigen Standort aus gesehen – keine Fälle bekannt, bei denen die Experimentierphase vollständig überwunden wurde, bei denen mit diesen Tools ein für das Unternehmen oder die Organisation essentielles Wissensmanagement aufgebaut wurde.

Die Computerzeitung interviewt Gunter Dueck, der bei der IBM 2007 Bluepedia als Corporate Wiki initiiert hat. Dueck spricht vor allem und völlig zu Recht von der notwendigen Freiwilligleit, von der eigenwilligen Community, vom Faktor Mensch.

Technisch ist es kein Problem, aber die Community muss entstehen.

Und Dueck argumentiert gegen das Geschwafel vom unnützen, die Arbeitszeit vertändelnden Zeugs. Das kommt dann oft und gerne von denen, die wichtige Wissens-Fitzel via Telefon bei Kollegen suchen – für sie vielleicht effizient, die Angerufenen aber brutal störend.

Es gibt auch ein paar eigene Erfahrungen in der Sache. Im Sommer 2007 hatte ich ein Blog (und webbasierte Gruppenkalender) für das Bibliotheksteam aufgesetzt. Es soll die Kommunikation auch mit den vielen Teilzeitbeschäftigten und studentischen Hilfskräften verbessern. Alle rezipieren dies teils begeistert, es gibt keine Rundmails mehr. Der Sprung zur aktiven Teilnahme ist allerdings noch lange nicht geschafft.

Es lässt sich nicht erzwingen. Was tun?