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1 Jahr Bahnhofsuhr

Vor einem Jahr hatte ich erfreut das Auftauchen klassischer Bahnhofsuhren auf dem hiesigen S-Bahnhof begrüßt. Seit Monaten stehen alle Uhren still, seit Wochen haben wohl auch die Betreiber die Hoffnung aufgegeben und die Streifen drübergeklebt.

Kaffeehaus-Lektüre II

Geht man zu Ringvorlesungen der Kulturwissenschaftler an der Humboldt-Uni zu Berlin, dann läuft man Gefahr, trotz eines spannenden Themas langatmig und artifiziell-unverständlich etwas im Wortsinne vorgelesen zu bekommen. Eine Ausnahme hinsichtlich Didaktik und Esprit (und informativer Homepage) ist Hartmut Böhme.

Die NZZ hat heute in der Rubrik Literatur und Kunst den Schwerpunkt „Langsamkeit“. Darinnen findet sich Böhmes Beitrag »Schildkröten spazieren führen«. Vordergründig bedient Böhme nicht die kulturkritische Klage – als deren Kronzeugen er Benjamin und Nietzsche zitiert – über das zu hohe Lebenstempo. Schon gar nicht in der materiellen Sphäre, da seien die Grenzen durch selbstregulierende Systeme evident:

Technische Entwicklungen führen zwar zu Verwerfungen im kulturellen Gefüge von Raum, Körper und Bewegung, aber sie haben innere Grenzen.

Der Mensch erweist sich dabei als das Tier, das evolutionsgeschichtlich deswegen so erfolgreich war, weil es eine fulminante Fähigkeit zur Anpassung an veränderte Umweltbedingungen aufweist. Mit der Materie teilen wir eine heilsame Trägheit. Sie schützt auch vor übermässigen Anforderungen der Akzeleration. Es ist diese materielle wie historische Trägheit, die mit der Fähigkeit zur Distanz zusammenwirkt: Abstand nehmen zu können auch zu unmässigem Tempo, ist eine unverwüstliche kulturelle Ressource, die tief in unserer anthropologischen Ausstattung begründet ist.

Doch die Epoche der „schweren“ Moderne ist vorbei, Böhme sieht uns zunehmend und zumindest teilweise im „transhumanen Raum“. Transhuman, weil er unbetretbar, abstrakt, virtuell, mathematisch ist.

In diesen Raum sind indes alle wesentlichen Aktivitäten verlagert: Wissensgenerierung, Verwaltung, Finanzströme, Entertainment, Kommunikation; selbst die Religion, die Politik oder der Krieg sind von diesem System abhängig. Die Architektur, die mathematische Modellierung und der Datenverkehr sind jeder Anschauung entzogen, weil sie mit einer Geschwindigkeit arbeiten, die durch keinen menschlichen Akt der Vorstellung nahegebracht werden kann. Dies zeigt, dass die Technokultur dabei ist, die Dimension des Menschlichen prinzipiell zu überschreiten.

Doch, hey, das ist nicht trostlos, da ist Hoffnung:

Betrachtet man […] den Verlauf der letzten zwanzig Jahre, so muss man indes auch konstatieren, dass die Menschen das Neue eigentümlich ungerührt weggesteckt haben. Es könnte ja sein, dass wir im Innersten nicht sonderlich davon erregt werden, dass eine Welt entsteht, die transhuman ist und von uns nicht mehr bevölkert werden kann. […] So leben wir dahin in unserer biophysischen Langsamkeit und lassen, wie wir den Göttern ihr Göttliches liessen, den Elektronen ihre aussermenschliche Geschwindigkeit.


Beschleunigung

Heute hat Hartmut Rosa hierfür, na ja, eher dafür, den Thüringer Forschungspreis bekommen!

Der Pressesprecher der Uni Jena greift, metaphernverliebt, mit der Überschrift „Rasender Stillstand“ allerdings in die Virilio- und somit falsche Kiste! Während Paul Virilio Beschleunigung und Geschwindigkeit ganz kulturpessimistisch eher verteufelte, geht Hartmut Rosa das Phänomen Beschleunigung produktiver an. Er glaubt an die Anpassungsfähigkeit des Menschen, sieht neben den Risiken auch Chancen.

Bahnhofsuhr

Seit einigen Jahren sind Uhren, wahrscheinlich aus Kostengründen, aus dem öffentlichen Raum nahezu verschwunden. So auch auf den Bahnhöfen, wo sie maximal noch als „Mini-Portlet“ in Anzeigetafeln integriert sind. So war ich heute angenehm überrascht, auf meinem S-Bahnhof diesen neu installierten Klassiker vorzufinden.

Asynchron

Vor einiger Zeit kam ein Anruf, im Büro. Der Anrufer begann mit: „Schön, dass Sie da sind. Sie erreiche ich immer, das ist so selten heute.“ Obwohl das „immer“ eine maßlos übertriebene Floskel war – ich erinnere mich nicht, dass ich von ihm je zuvor oder danach angerufen wurde: Ich fühlte mich – entgegen der Intention des Anrufers – postwendend schlecht.

Mein Handy ist immer an, aber immer still. So still wie ein Vibrator nur sein kann. Ich will immer anrufen oder simsen können, ich will dergleichen immer empfangen können. Wozu in den oft unmöglichsten Situationen quatschen, mit mir zufällig den gleichen Raum teilende Menschen mit unmöglichen Klingeltönen oder ins Gerät bellend mit meinem Privat- u/o Berufsleben belästigen? Für wirklich wichtige Sachen gibt es die Mailbox. Nebenbei hält man sich so den zunehmenden Telefon-Spam vom Hals, immer öfter ignoriere ich Anrufer ohne Absenderkennung, das wird langsam zur festen Gewohnheit. – Nahezu pervers finde ich die Werbung vom Anzeigen-Scout des jazzradio 101.9, immer und jederzeit erreichbar zu sein; es folgt seine Handy-Nummer.

Ich mag eMail. Kein Spam dieser Welt kann mir diese Erfindung verleiden, kann ich doch ausreichend mit den intelligenten Filtermöglichkeiten meiner MUAs umgehen. Wenn ich Lust habe, kann ich berufliche Mails immer, auch samstags Nacht beantworten – oder eben nicht. Ans Telefon gehen würde ich zu dieser Zeit nie. Überhaupt, dieses Schriftliche! Man kann später suchen und finden, noch ein Vorzug gegen das unmittelbar und vergänglich Geplapperte.

Warum ich das hier poste? Weil ich derzeit in Hartmut Rosas grandioser Arbeit zur Chronopolitik, zur Veränderung der Zeitstruktur durch soziale Beschleuinigung versunken bin. Dazu später, irgendwann mehr. Oder auch nicht.