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Zone (My Way)

Eine kurze Notiz zum epischen Buch von Mathias Énard, »Zone«.

Im Pendolino zwischen Mailand und Rom sitzt am 8. Dezember 2004 Francis Servain Marković, Francis der Kofferträger, der erschlagen vom Alkohol der Müdigkeit den Amphetaminen den Toten und den Lebenden auf seinem Sitzplatz erster Klasse zusammengesunken ist. 6½ Stunden dauerte damals die Fahrt, viel Zeit für einen unaufhörlichen, unendlich erscheinenden Bewusstseinsstrom, für eine Art Resümee der letzten Jahre seines Lebens, die jüngere und die ältere und die ganz alte Geschichte rund um das Mittelmeer – die Zone – einbeziehend. Es geht also um barbarische Zustände.

Mathias Énard braucht für diesen inneren Monolog fast 580 Seiten. 21 der 24 Kapitel sind ohne Satzendezeichen im Blocksatz gesetzt, eine Bleiwüste von teils wilden Assoziationen, heftigen Tiraden also, mit einem Punkt erst ganz am Ende des Buches. Erstaunlicherweise kann man sich dem ohne Schwierigkeiten lesend hingeben, im Textfluss mit schwimmen.

Drei Kapitel sind Textstellen aus einem Buch über den Bürgerkrieg im Libanon – aus palästinensischer Sicht. Rafaël Kahla (der fiktive Autor des fiktiven Buches) lebt in der Zone, nämlich

zwischen Tanger und Beirut, seltsame Formulierung, zwischen Tanger und Beirut liegen Ceuta Oran Algier Tunis Tripolis Banghazi Alexandria Port Said Jaffa Akkon Tyros und Sidon oder auch Valencia Barcelona Marseille Genua Venedig Dubrovnik Durrës Athen Thessaloniki Konstantinopel Antalya und Latakia oder Palma Cagliari Syrakus Heraklion und Larnaka, wenn man die Inseln mit einbezieht, Tanger, die Wächterin an der Unterlippe der Zone, Rafaël Kahla der libanesische Schriftsteller wohnt also teilweise in der westlichsten Handelsniederlassung seiner phönizischen Vorfahren, im karthagischen Tingis, heute die ockergelbe und weiße Hauptstadt der illegalen Einwanderung