Torloses Woodstock

Ja, ich weiß, noch ist’s nicht zu Ende. Zwei Spiele stehen noch aus, aber man darf trotzdem schon ‚mal etwas zusammenfassen, was in der Tendenz so offensichtlich ist, dass die Aussage Bestand haben wird. Hans Ulrich Gumbrecht, „unser“ Mann in Stanford (s.a. hier), definiert den „globalisierten Fußball“, wie wir ihn in den letzten Wochen sahen, als

„ein Spiel, das die Räume für die Ballaufnahme enger macht und für Pässe in den freien Raum verschließt; ein Spiel, in dem Ballsicherung und das Warten auf momentane Fehler beim Gegner im Vordergrund stehen; ein Spiel, das für große Strategen wie Pele oder Beckenbauer keinen Platz mehr hätte, aber beschleunigende und dann wieder verlangsamende Katalysatoren wie Zidane braucht; ein Spiel vor allem, das körperliche Fitness und kollektive Intensität belohnt.“

Und die partymäßige Stimmung kommentiert er, darin nah bei Theweleit, so:


Aber vielleicht war der eigentliche historische Protagonist der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 das Publikum – mehr als irgendeine der erfolgreichen Mannschaften und ihre Spieler. Während sich in sportlicher Hinsicht die Vernünftigkeit eines neuen globalen Einheitsstils gegen die traditionellen Nationalstile durchzusetzen beginnt, ist an der Teilnahme der Fans deutlich geworden, dass die verbissene Identifikation mit National-Mannschaften sich mittlerweile in freundlich multikulturelles Freizeit- und Ferienverhalten verwandelt. […] Im Vordergrund der Erinnerung aber werden die allabendlichen Parties in den Fan-Zonen bleiben, wo sich die sommerlichen Touristen mit den Trikots aller Teilnehmer-Nationen wie die zu einer bunten Masse gewordenen Botschafter ihrer Länder fühlen durften. Enttäuschungen auf der Fußball-Weltbühne wurden wohl weniger endgültig erlebt als früher. Wenn es Ronaldinho in diesem Sommer versagt blieb, mit der brasilianischen Mannschaft zu glänzen, werden ihm die Spiele des F.C. Barcelona in der Champions League schon bald Gelegenheit zu glorreicher Rehabilitierung geben. Und vielleicht ist ja hinter dem Rücken von Funktionären und Kommentatoren der Stellenwert der sportlichen Großereignisse in einen sehr grundlegenden Wandel eingetreten. Solange der Erfolg der eigenen Nation eine zentrale Rolle für das individuelle Selbstwertgefühl spielte, hing alles von Sieg oder Niederlage der „eigenen“ Mannschaft ab. Im 21. Jahrhundert, so hat es den Anschein, werden die Spiele zu einem Medium, welches die neue Freizeitstimmung einer globalen Mittel- und Oberschicht ermöglicht. Die Fußball-WM als ein sehr erwachsen gewordenes Woodstock?

(via Perlentaucher)

One Comment

  1. Julia Samstag, 8. Juli 2006

    An dieser Stelle ein Link zu einem weiteren Kuriosum aus der Sparte “Intellektuelle gucken Fussball”. Günther Grass fabuliert in der Süddeutschen:

    http://www.sueddeutsche.de/sport/weltfussball/artikel/172/80092

    Ich glaube, da höre ich persönlich doch lieber die atemlose, wacklige Grammatik der Spieler am Spielfeldrand. 😉

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