Ver-rückt

Christoph Hochhäusler will darüber nachdenken, aus dramaturgischen Gründen dem Sichtbaren gegebenenfalls ein Voice-Over [1] hinzuzufügen. Altmeister Alain Resnais hat in »Les herbes folles – Vorsicht Sehnsucht« genau das und noch viel mehr Ungewöhnliches gemacht. Alle Figuren sind normal und stehen doch ausreichend weit neben dem Erwartbaren, Durchschnittlichem. Die Kamera tanzt mindestens so wie die Dialoge springen, Farbe ist nicht einfach bunt [2] und rund um das Kino im Film wird „natürlich“ eine Kulissenwelt gebaut. – Resnais beweist mehr Mut und sein Film zeugt von mehr Kreativität als z. B. alle mir bekannten Wettbewerbsfilme der letzten großen Festivals zusammen.

Lukas Foerster nennt den Film in seiner sehr treffenden Rezension Free Jazz. Mir rutschte unmittelbar beim Verlassen des Kinos seit langen wieder einmal das mir offenbar spontan höchst mögliche Lob heraus: Toll.

[1] Natürlich nicht so einen altmodischen Off-Kommentar, der erklären muss was nicht zu sehen ist und noch dazu nervend oberlehrerhaft daherkommt. Wie es Michael Haneke in »Das weiße Band« macht.
[2] Man schaue sich dazu diesen Trailer an.


2 Comments

  1. Dietmar Hillebrandt Mittwoch, 19. Mai 2010

    Da muß ich nun aber, beinahe würde ich sagen leider, eine Lanze für “altmodische Off-Kommentare” und “Das weiße Band” brechen. Wir haben es doch mit einer ganz anderen Bildsprache (ich kenne nur den Trailer von “Wild Grass”) in den beiden Filmen zu tun und das Thema sowie die Zeit (Hanekes Film spielt 1913) sind doch sehr verschieden. “Das weiße Band” ist in Schwarz-Weiß gedreht und gerade auch dazu passt der “altmodische Offkommentar”. Ich finde diesen angeblich altmodischen Off-Kommentar für diese besondere Thematik und die spezifische filmische Umsetzung sehr gelungen. Nicht zuletzt die Erzählerstimme des Dorfschullehrers bringt eine fast literarische Atmospäre in den Film. Kurz gesagt: Äpfel und Birnen kann man zwar vergleichen, aber Wertungen, welches Obst denn nun das bessere ist, würden mir zumindest schwer fallen. Reinbeissen kann man ja auch in beides.

    • jl Mittwoch, 19. Mai 2010

      Der „altmodische Off-Kommentar“ passt natürlich nahezu kongenial zu „Das weiße Band“, ist dem Film auf jeden Fall angemessen. (Entspricht, das nebenbei, auch Hanekes belehrendem Ton.)
      Ein Vergleich von „Vorsicht Sehnsucht“ mit „Das weiße Band“ ist einer zwischen Äpfel und Birnen, da stimme ich zu. Aber ich wollte weder das Obst noch die beiden Filme vergleichen, sondern auf den mir doch recht innovativ erscheinenden Einsatz des Off-Kommentars beim Altmeister Resnais hinweisen. Er mixt klassischen Erzählerton, der leicht ironisch-distanziert ‘rüberkommt, mit Gedanken des Protagonisten, die, wie Gedanken in Echtzeit nun ‘mal sind, bruchstück- und sprunghaft, vage tastend auch sind. Das kommt im Film sehr unaufdringlich ‘rüber, passt sehr gut zu den Bildern.. Es ist auch eine Freude für mich gewesen, der kein Wort Französisch kann, aber Filme in der OmU-Fassung den synchronisierten (mit wie hier oft merkwürdigen Verleihtiteln) vorzieht.
      Lukas Förster spricht in der oben verlinkten Rezension meiner Meinung nach sehr treffend vom

      «sonderbarsten Voice Over der jüngeren Filmgeschichte. Genauer gesagt sind es mehrere, konkurrierende Voice Over, sie fallen sich gegenseitig ins Wort, sie stocken mitten im Satz und setzen neu an, ihr Grundgestus ist das Abschweifende, das freischwebende Assoziieren, sie sind ins Unreine nicht nur gesprochen, sondern auch gedacht.»

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