Vom Schrumpfen und Wachsen

Das geht ja hoch her, hier. Ich möchte meine Überlegungen zu einem Schrumpfen als Chance etwas weiter ausführen.

Derzeit geht das Gespenst der Demographie in Europa um, und es ist erstaunlich, wie wenige die Parolen – die von denen kommen, die wollen dass alles so bleibt wie es ist, nur bezahlbar soll es bleiben – kritisch hinterfragen…

Fast alle glauben die Mär von weniger Menschen, weniger Produktion, mehr Elend. Das kann so sein, vor allem wenn an den Schaltstellen nicht umgedacht wird, das muss aber nicht so sein. Alle uns als Reform verkauften Maßnahmen kann man mit Diäten für Übergewichtige vergleichen: längerfristig wirkungslos. Ernährungswissenschaftler haben herausgefunden, man müsse tiefer gehen, dahin wo es weh tut: ans Gehirn.

Einige Zahlen:

Auch wenn die Geburtenrate und die Gesamtbevölkerungszahl in Deutschland drastisch sinkt, wir werden “schlimmstenfalls” ein normal bevölkertes Land. Derzeit leben hierzulande 231 Menschen pro Quadratkilometer. In Frankreich sind es 109, in Polen 122 und in Dänemark 124. Das Wirtschaftswunder hat der Westen Deutschlands auch mit deutlich weniger, nämlich 55 Millionen Menschen hinbekommen. Und spätestens seitdem (und auch wegen Sonderkonjunkturen ala Wiedervereinigung) setzt man hierzulande auf unbegrenztes Wachstum, Zuwanderung und Geburtenförderung sowie immer noch auf den Mythos Vollbeschäftigung – alles auch Voraussetzungen (Beitragszahler) für den Sozialstaat so wie er noch ist.

Zuwanderung. Um die Alterung auszugleichen, müssten jährlich 3,4 Millionen Zuwanderer ins Land kommen, und hochqualifizierte – z.B. pakistanische Ingenieure, die nicht mehr nach Amerika dürfen (Kommentar Feuerhake) – noch dazu, sie sollen schließlich mehr geben als nehmen. (Dafür dürfen sie dann alle zusammen auch mehr Geld in die Heimat schicken, als die deutsche Entwicklungshilfe an Etat hat.) Also weitaus mehr, als die paar Hundert osteuropäischen Informatiker, die sich von der Greencard-Initiative (erinnert sich noch jemand daran?) angezogen fühlten.

Mal angenommen, das funktioniert: Dann hätten wir im Jahr 2050 300 Millionen Einwohner. Das wären dann zwar genügend Beitragzahler für eine dann noch krankere Gesellschaft. Aber… Ich mag die urbane Großstadt! Wenn rings herum etwas Natur übrigbleibt!

Ich bin nun keineswegs gegen Zuwanderung, bin auch nicht zum Ausländerfeind mutiert. Fast jeder Ausländer hier senkt den Anteil der Dicken und Doofen im Lande. (Mal ganz frei nach dem Müllerschen Satz, demzufolge zehn Deutsche dümmer als fünf Deutsche sind, formuliert.) Aber es sollte aus diesem Zahlenspiel klar werden, dass eine Fortschreibung des Status quo nicht geht, dass der Preis zu hoch ist.

Die Blödheit der meisten Deutschen mache ich übrigens nicht am subjektiven Empfinden oder an Pisa und so etwas fest. Sondern an der ungebrochenen Gläubigkeit in die Fähigkeiten der Politik. Diese Gläubigkeit hat insofern etwas Paradoxes, weil über die Hälfte der Bevölkerung in der Hoffnung auf neue Arbeitsplätze einerseits meint, der Staat solle die Bedingungen für die Unternehmen verbessern, und andererseits genausoviele sagen, der Staat solle auf soziale Gerechtigkeit achten und eingreifen, wo es not tut. Eine Mehrheit hierzulande glaubt, dass Dienstleistungen, Computer, Energie, Telekommunikation anstatt alte Industrie und Baugewerbe die Träger des Aufschwungs sein können. Aber nur ein Drittel glaubt, dass Wirtschaft, Arbeitsmarkt und letztlich das Sozialsystem von neuen Techniken, neuen Technologien, durch Wissenschaft strukturell verbessert werden können. Zwei Drittel starren auf die großen Konzerne, auf die Industriebrocken, ganze 5% setzen auf kleine Unternehmensformen.

Mir fehlt gewiss der Überblick. Trotzdem frage ich mich, welche Bevölkerung welchen hochentwickelten Landes ist technologie- und wissenschaftsfeindlicher als die deutsche? Wo gibt es sonst noch soviele Bedenkenträger? – Doch eine junge Generation scheint zum Glück neugierig und wissensdurstig zu sein, das Publikum auf der Langen Nacht der Wissenschaften in Berlin macht mir da Hoffnung.

Wenn alle Infrastruktur und Ressourcen hierzulande von weniger Menschen geteilt werden, wenn weniger Kinder mehr Zuwendung und Bildung erfahren können, dann ist das ein Sieg der Qualität gegen die Quantität. Wenn alle Produktionsmittel und Rohstoffe von weniger Erwerbstätigen genutzt werden, dann steigt das Pro-Kopf-Wachstum, dann steigt der Wohlstand. (Dies stellt der Hamburger Volkswirtschafts-Professor Straubhaar als Hauptstudiums-Binsenweisheit dar.) Sorge kann das Schrumpfen eigentlich nur Leuten bereiten, die in nationalen Kategorien denken, die die internationalen Verflechtungen ausblenden und nicht akzeptieren wollen, dass die Weltwirtschaft arbeitsteilig ist und es weiter wird. Dass Geld migriert, dass Produktion verlagert wird – darauf müssen wir uns einstellen, statt über Patriotismus zu schwafeln. Offene Märkte statt Protektionismus sind hilfreich und notwendig, um den Lebensstandard längerfristig in etwa halten zu können.

Wo liegt also das Problem, wenn die Bevölkerungszahl Deutschlands schrumpft? Ein Paradigmenwechsel tut not. Das Shrinking, der Rückbau alter zugunsten neuer Strukturen, der Rückbau alter industrieller Infrastruktur sollte nicht mehr als ökologische Maßnahme bemäntelt werden. Auf das Bemänteln kommt’s mir an, auf den Etikettenschwindel, der den Blick verstellt. Wenn es weiter so geht wie bisher, mit den Rezepten aus alten Wachstumszeiten, dann und nur dann besteht Grund zur Depression.

Der gleichzeitige Schrumpfungs- und Alterungsprozess betrifft im Übrigen alle europäischen Gesellschaften. Doch nirgends hört man soviel Jammern, wie hierzulande – die Tempo-Hersteller wird’s umsatzmäßig im 75. Jahr der Firmengeschichte freuen. 😉

s.a. Die Mär vom Standortwettbewerb

2 Comments

  1. Feuerhake Donnerstag, 29. Juli 2004

    Das ist ‘ne menge, da brauchtst zeit, um geschliffen zuparieren … wenn’s denn nötig ist

  2. Hans Donnerstag, 29. Juli 2004

    Danke für die gute Analyse und Schlussfolgerungen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass wir (wir Deutschen / wir Planetenmenschen) in einigen Jahrhunderten mit einer sehr viel enspannteren Siedlungsdichte leben werden. Eine Milliarde Menschen auf dem Globus – ich denke das könnte sehr schön sein. Da hat man große dichte Millionenstädte, wo man was erleben kann, einige Dörfer für die Gemütlichen, und viel Platz für Prairie und Solarzellen. (ok, jetzt rutsche ich ab in Marlboro-Country Sozialromantik 🙂

    Das Problem sehe ich nur in der Zeit dazwischen. Global werden wir von 6 auf 10 Milliarden anwachsen, bevor der demographische Wandel auch in den anderen Ländern greift. National zeichnet sich ab, dass sich die Schrumpfung innerhalb von 1-2 Generationen vollzieht. Selbst wenn man annimmt, dass sich diese beiden Entwicklungen gegeseitig ein wenig ausgleichen können (Sprachbarrieren etc. machen das jedoch nicht einfach) wird die gesamte Gesellschaft kräftig durchgerüttelt.

    Und so ein Durchrütteln ist ja auch nix schlechtes, aber wenn’s zu kräftig schaukelt, dann wird es auch viele geben, die das Tempo der Veränderung nicht mitmachen können und am Wegesrand liegen bleiben. Mitsamt all den bekannten Konsequenzen. Verarmung, Radikalisierung sind nur zwei Stichworte. Dieser rapide, wenig abzufedernde Prozess birgt dann so viel Sprengstoff, dass die Vision des Marlboro-Country vielleicht nie in Erfüllung geht.

    Daher denke ich: Es ist ganz wichtig, Bereitschaft für den unausweichlichen Wechsel zu zu fördern. Dazu trägt der Artikel von Jürgen seinen Teil bei. Und hier ist noch viel Arbeit zu leisten. Gleichzeitig ist es genauso wichtig, sich auf eine menschliche Geschwindigkeit für den Reformprozess zu einigen. Keiner soll sagen “Ich beweg mich gar nicht” Diese Einstellung kann man nur beantworten, indem man die Person im Regen zurücklässt. Aber es darf auch keiner sagen “Ich beweg mich so schnell ich kann, alles ander ist mir egal.” Denn dann reißt die Gesellschaft und ihr fein ausbalanciertes Geflecht auseinander.

    meint Hans

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