Web 2.0 – just another geek stuff?

Alle schreiben über das Web 2.0, nicht nur aus Anlass der Konferenz. Es ist einfach, sich darüber lustig zu machen, klingt ja auch komisch, Leben 2.0. Es grummelt, es „buzzt“, es „hypet“ nur so im Web (dasselbe im evolutionären Übergang von 1.0 zu 2.0?). Manche sind euphorisch oder distanziert, manche sind aus Prinzip dagegen, andere sehen das Potenzial, die Chancen durch neue Techniken für einen Paradigmenwechsel in der Nutzung des Web. (Eine Wiederauferstehung des Projektes Xanadu?)

Einige Beispiele: Tim O’Reilly gibt den Mastermind und schreibt eine Art Manifest, von prinzipiellen Skeptikern (IT doesn’t matter!) natürlich belächelt. Feuerhake bekennt sich zu den Web2.0-Charakteristika Partizipation, Kollektivismus, virtuelle Communities, Dilletantismus – zur Spielwiese voller interessanter Pflänzchen, und belustigt sich zu Recht über Moralisten. Alp Uçkan macht sich Gedanken über datenschutzrelevante Nebenwirkungen bei all den neuen anmeldepflichtigen Anwendungen. Es gibt begeisterte RSS-Liebhaber, Freunde der Content Syndication. Und last but not least gibt es die, die das Thema vor allem mit einem Aufschwung an den Technologie-Börsen in Verbindung bringen, ein deja vu zu den 1990ern spüren, wie Dave Winner:

„The Web is real. The Semantic Web is an idea and Web 2.0 is a marketing concept used by venture capitalists and conference promoters to try to call another bubble into existence.“

Ich denke, hinter all dem Tech-Hype und Marketing-Gebrabbel, in der bubble steckt genug Potenzial, das unseren Umgang mit, das die Landschaft der Webanwendungen, Software, eCommerce, … sukzessive verändern wird. Egal, wie man das Web nun nennt. – Warum?


Zunächst einmal, um das abzuhaken, zum profanen Business, zum Mammon. Warum soll es nicht legitim sein, VC zu akquirieren, Geldgeber mit schicken Keynote-Präsentationen oder meinetwegen auch Impressionen zu beeindrucken? Wenn’s klappt, umso besser. Denn die Vergleiche, die Parallellen zum Hype und Platzen der Blase um die Jahrtausendwende hinken. Damals war – was kaum einer wahrhaben wollte – die Basis für erfolgreichen eCommerce einfach nicht da: nur 2 Millionen Deutsche hatten Zugang zum viel zu langsamen Internet. Heute halten sich Nonliner und Onliner in etwa die Waage, sind allein über 14 Millionen Menschen bei eBay-Deutschland registriert. Die eCommerce-Umsätze in Deutschland haben die 200-Milliarden-Euro-Grenze überschritten. Und um diese Zahl richtig einzuordnen: Die ach so erfolgreichen Geiz-ist-Geil-Discounter Aldi, Lidl, Plus, Penny, Netto und Konsorten haben in allen ihren Filialen ‚mal gerade 50 Milliarden Euro umgesetzt. (Alle Zahlen aus der aktuellen brandeins.) Wer sagt da noch, eCommerce funktioniert nicht, wer sagt da noch: keine Chance für einen Aufschwung, für neue Technologien. – Überlebt haben damals mit Google, Yahoo!, eBay und Amazon übrigens die eCommerce-Pioniere, die versucht haben, die Beziehungen zwischen Unternehmen und Kunden im Web neu zu definieren. Cluetrain lässt grüßen.

Es gibt eine ganze Reihe von interessanten neuen Anwendungen, Phänomene und vor allem webbasierte Services im Umfeld des Web2.0-Hypes aka Partizipation, Kollektivismus, virtuelle Communities, Dilletantismus: Technorati, del.icio.us, Flock, AJAX, unzählige Blog-Tools und -provider, Flickr, Bittorrent, SOA (ja, auch die immer noch nicht alltäglich-üblichen Webservices subsummiere ich hier) usw.. Man kann damit spielen und testen, ob sie einem hilfreich sind, man kann sie vielleicht auch schon ernsthaft einsetzen. Mich interessieren zwei Trends, die zu einem Paradigmenwechsel führen werden.

1. Eine ergänzende Alternative zum Browser traditioneller oder zeitgemäßer Art (z.B. mit asynchroner Kommunikation ala AJAX [Google Maps nutzt es, zum Beispiel] oder XUL-Erweiterungen der Mozilla-Plattform aufgewertet) : „Rich Internet Applications“, „Rich Thin Clients“. Prognostiziert wird ein fundamentaler Wandel des Web von einer Präsentationsfläche mit Rückkanal hin zu einer interaktiven Transaktionsplattform. Mit der leichtgewichtigen Browser-Architektur auf Basis des zustandslosen HTTP kann ich ganz gut leben, diese ist aber für komplexe interaktive Anwendungen (Business-Applications, Fachanwendungen) nicht geeignet. Schwergewichtige Clients mit applikationsspezifischem Code sind aber nicht das Ziel von Software-Initiativen verschiedenster Art; das Konzept der „Rich Thin Clients“ sieht vor, dass der Server nur notwendige Zustandsinformationen an den Client überträgt. Existierende Beispiele sind Macromedias (Adobes) Flex: eine J2EE-basierte, Flash integrierende Plattform, oder die Rich Client Platform des Eclipse Projektes. – Über das Thema RCP hatte ich hier schon ‚mal geschrieben, ein paar Informationen zusammengetragen.

2. Plattformen und Software-Entwicklungs-/-Release-Zyklen: Aus Sicht der User wird die Betriebssystem-Plattform, die er benutzt um mit den webbasierten Anwendungen und Services zu arbeiten, immer unwichtiger. Ein benutzerfreundliches System spielt vor allem bei der Integration aller möglichen Devices (Kamera, Scanner, Mobiltelefon usw.) eine Rolle, selbst die Arbeit mit einer sogenannten Office-Anwendung wird – eine Rich Internet Application vorausgesetzt – irgendwann webbasiert erfolgen. (Hey, ich will nicht nur meine Bookmarks, ich will auch meine Dokumente überall verfügbar haben!) Für die Service-Provider heisst das, dass intelligentes Datenmanagement und hochverfügbares Operating zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil wird.

Geschäftsmodelle, die auf herkömmlichen Software-Release-Zyklen von 2-3 Jahren beruhen, die darauf setzen, dass der Nutzer dann seine gesamte PC-Umgebung auf den neuesten Stand bringt, solche Geschäftsmodelle (wie z.B. das von Microsoft) sind strukturell denen der Internet-Companies unterlegen: Bei Google, Yahoo! und flickr ist die Maßeinheit der Zyklen nicht Jahre sondern Stunden bis Tage. Und, ähnlich dem Open-Source-Paradigma: Veröffentliche früh und veröffentliche oft, beziehe deine Nutzer in die Entwicklung ein!, können wir uns an stabiler Software mit Beta!-Siegel erfreuen. Beta-Versionen, die mehr halten als manche Final-Versionen versprechen. Schau nach, was sich z.B. dort tut.

Na, wenn das nichts ist!

Meine Bookmarks zum Thema.

Und weil es so schön ist, zum Träumen einlädt: Hier noch Tim O’Reilly’s Web 2.0 Visualisierung:



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